„Ist heute kein Unterricht?“

aus den Westfälischen Nachrichten vom 18.07.2011

 
Renate Tanner, Gisela Marstatt-Stieneker, Ika Grünewald und Gudrun Heemann (von links) freuen sich mit Walter Steinbeck über die tollen Ergebnisse der Leseförderung an den Lengericher Grundschulen.Foto:
Renate Tanner, Gisela Marstatt-Stieneker, Ika Grünewald und Gudrun Heemann (von links) freuen sich mit Walter Steinbeck über die tollen Ergebnisse der Leseförderung an den Lengericher Grundschulen.Foto:
(Michael Baar)
 
Lengerich - Diesen Wunsch erfüllt Walter Steinbeck gerne: Die Stiftung für Bildung, Kunst und Kultur in Lengerich wird auch im nächsten Schuljahr die Leseförderung beziehungsweise Theaterpädagogik an den vier Grundschulen sowie der Astrid-Lindgren-Schule fördern. „Wir übernehmen die Personalkosten, komplett“, präzisiert der Initiator der Stiftung bei einem Gespräch in der Grundschule Stadtfeldmark.

Die vier Frauen am Tisch freuen sich. Vom Wert der Leseförderung sind sie seit Jahren überzeugt. Nicht, weil sie Schulleiterinnen sind, sondern weil sie die Erfolge dieser Unterstützung im Schulalltag sehen.

Da ist der Zwölfjährige an der Astrid-Lindgren-Schule. „Als er zu uns kam, konnte er kaum Deutsch“, erinnert sich Renate Tanner. Bemühungen, dem Kind mit Migrationshintergrund die deutsche Sprache nahezubringen, scheiterten, weil sich der Junge diesen Versuchen entzog.

Mit der Lesehelferin wurde das anders. „Dort ist über die persönliche Beziehung sein Interesse geweckt worden und er hat sich richtig reingekniet“, freut sich die Rektorin. Ähnlich sei es mit einem Mädchen aus der fünften Klasse gelaufen. Dass die Kinder in der Lesehelferin eine feste Bezugsperson haben, hält sie für unverzichtbar.

Ihre Kolleginnen am Tisch bestätigen diese Einschätzung. Aus einer Zweitklässlerin, die sich mit dem Leben schwer tat und „eigentlich nicht lesen lernen wollte“, ist eine begeisterte Leserin geworden. „Sie hat eine enge Beziehung zur Lesehelferin“, erläutert Gudrun Heemann. Wie wichtig diese Bezugsperson ist, zeigt eine Frage des Mädchens: „Ist heute kein Unterricht?“ Die hat sie gestellt an einem Tag ohne Leseförderung, erinnert sich die Rektorin mit einem Lächeln.

„So eine individuelle Förderung ist im Unterricht gar nicht möglich“, sagt Ika Grünewald mit Blick auf die anderen 27, 28 Kinder in einer Klasse. Kinder mit Migrationshintergrund stellen die größte Zahl der Geförderten. „So langsam werden es mehr deutsche Kinder“, beobachtet die Konrektorin der Stadtfeldmark-Schule.

Ein anderer Ansatz wird an der Grundschule Hohne verfolgt: Eine Theaterpädagogin erarbeitet zwei Mal im Jahr mit insgesamt 16 Mädchen und Jungen (zwei aus jeder Klasse) ein Theaterstück. Für eine Woche werden die Kinder aus der Klasse genommen. „Jeweils nach den Zeugniskonferenzen“, darauf legt Gisela Marstatt-Stienecker Wert.

Die Theaterpädagogin erarbeitet mit den 16 Kindern ein Theaterstück - angefangen beim Text. Lediglich das Thema wird vorgegeben. Nach einer Woche wird das Stück den 200 Mitschülern präsentiert. „Dazu gehört auch Mut, vor so einer großen Kulisse zu agieren“, freut sich die kommissarische Schulleiterin über die (nicht nur sprachlichen) Früchte, die das Projekt trägt.

Gute Erfahrungen haben auch die Grundschulen Stadt und Intrup mit den Lesehelferinnen gemacht. Egal ob Mutter, Studentin oder Sozial-Pädagogin: Bis zu 20 Kinder werden an jeder der fünf Schulen gefördert. Die Intervalle reichen von täglich bis wöchentlich.

Walter Steinbeck hört das gerne. Das Werben um Spender fällt ihm etwas leichter, wenn die eingesetzten finanziellen Mittel so reiche Frucht tragen.

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